Gurdjieff und "befreites Bewusstsein"
- Marc
- 1. Feb.
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Georg Iwanowitsch Gurdjieff war ein spiritueller Lehrer, Mystiker und Philosoph armenisch-griechischer Herkunft und lebte von 1866 bis 1949. Er ist bekannt für seine Lehren über die menschliche Bewusstseinsentwicklung und seine einzigartige Synthese von westlicher und östlicher Weisheit. Seine Ideen hatten großen Einfluss auf die spirituelle und esoterische Bewegung des 20. Jahrhunderts. Auch der indische Philosoph Osho, früher bekannt als "Bhagwan", war stark von Gurdjieff beeinflusst.
Gurdjieffs Lehre betont die Selbsterkenntnis, die Überwindung automatischer Verhaltensmuster und die bewusste Entwicklung des individuellen Potentials durch Arbeit an sich selbst und durch praktische Übungen.
Wichtige Einsichten, Konzepte und Projekte:
Das Vierte Weg-System: Gurdjieff entwickelte eine spirituelle Methode, die er den "Vierten Weg" nannte. Es unterscheidet sich von traditionellen Wegen wie des Fakirs (Körperdisziplin), des Mönchs (Emotionsdisziplin) und des Yogis (Verstandesdisziplin), indem es alle drei Aspekte des Menschen integriert: Körper, Emotionen und Geist.
Bewusstsein und "Schlaf": Er lehrte, dass die meisten Menschen in einem Zustand des "psychologischen Schlafes" leben und sich ihrer inneren Mechanismen nicht bewusst sind. Sein Ziel war es, seinen Schülern zu helfen, bewusster zu werden und ihr wahres Potenzial zu entdecken.
Einfluss und Schüler: Zu seinen prominentesten Schülern gehörte P. D. Ouspensky, der viele seiner Ideen weitertrug und verbreitete. Auch der Schriftsteller John G. Bennett und Jeanne de Salzmann spielten eine bedeutende Rolle bei der Weitergabe seiner Lehren.
Seine Werke: Gurdjieff schrieb mehrere Bücher, darunter sein Hauptwerk Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel (engl. Beelzebub's Tales to His Grandson), das eine tiefgründige und symbolische Darstellung seiner Lehren ist. Seine Autobiografie Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen (engl. Meetings with Remarkable Men) ist ebenfalls sehr bekannt.
Musik und Tänze: Er entwickelte zusammen mit dem Komponisten Thomas de Hartmann eine Reihe spiritueller Musikstücke. Auch die sogenannten "Gurdjieff-Bewegungen" – komplexe, rituelle Tänze – sind ein wichtiger Bestandteil seiner Lehren und sollen das Bewusstsein und die Präsenz fördern.
Das Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen: Gurdjieff gründete in den 1920er Jahren ein Institut in Frankreich, das als Zentrum für seine Arbeit diente.
"Der vierte Weg"
Der "Vierte Weg" ist das zentrale Konzept und beschreibt einen alternativen, spirituellen Entwicklungsweg, der die besten Aspekte der drei traditionellen Wege kombiniert: den des Fakirs, des Mönchs und des Yogis.
Die drei traditionellen Wege:
Der Weg des Fakirs fokussiert sich auf den Körper. Fakire üben extreme körperliche Disziplin aus, um Kontrolle über den physischen Aspekt des Menschen zu erlangen. Beispiel: Fasten, asketische Übungen, Schmerzen aushalten.
Der Weg des Mönchs fokussiert sich auf die Emotionen. Mönche kultivieren Hingabe, Glauben und emotionale Disziplin durch religiöse Praktiken und Gebete. Beispiel: Liebe zu Gott, spirituelle Hingabe, Entsagung.
Der Weg des Yogis fokussiert sich auf den Intellekt. Yogis streben nach geistiger Disziplin und Wissen, indem sie Meditation und Studium nutzen. Beispiel: Kontrolle des Geistes, philosophisches Studium, Introspektion.
Der Vierte Weg:
Gurdjieff schlug den "Vierten Weg" als alternative Methode vor, die alle drei Aspekte – Körper, Emotionen und Intellekt – gleichzeitig entwickelt. Das Ziel des vierten Weges ist das menschliche Potenzial voll zu entfalten, indem man den Zustand innerer Freiheit und bewussten Seins erreicht. Es geht darum, den Menschen von seinen inneren Automatismen zu befreien und ein wahrhaft bewussteres und bedeutungsvolleres Leben zu führen.
Integration des Lebens: Anders als die traditionellen Wege erfordert der Vierte Weg keinen Rückzug aus dem normalen Leben. Man kann mitten in seinem Alltag – in der Arbeit, in Beziehungen und sozialen Interaktionen – daran arbeiten.
Gleichzeitige Entwicklung: Der Vierte Weg betont, dass wahre Transformation nur durch die gleichzeitige Arbeit an:
Körper (Instinkte): Erziehung des Willens und der physischen Disziplin.
Emotionen: Verfeinerung und bewusste Kontrolle emotionaler Reaktionen.
Verstand: Kultivierung von Wachheit und Klarheit des Denkens.
Bewusstheit und Selbsterinnerung: Ein Schlüsselprinzip ist das Streben nach "Selbsterinnerung", also einem Zustand der Präsenz, in dem man sich sowohl der inneren als auch der äußeren Welt gleichzeitig bewusst ist. Es geht darum, aus dem "Schlaf" der Automatik zu erwachen.
Arbeit an sich selbst: Das Vorankommen auf dem Vierten Weg erfordert Selbsterforschung, das bewusste Beobachten eigener Muster und systematische innere Arbeit. Es ist keine dogmatische oder festgelegte Methode, sondern ein dynamischer Ansatz, der individuell angepasst werden kann.
Lehrer und Gemeinschaft: Gurdjieff betonte die Notwendigkeit, mit einem erfahrenen Lehrer und einer Gruppe zu arbeiten, da der Austausch mit anderen die Entwicklung beschleunigen kann.
Der "Hausbau"-Vergleich: Er verglich die Arbeit des Vierten Wegs mit dem Bau eines Hauses:
Fundament: Die physischen Instinkte sind das Fundament.
Mauerwerk: Die Emotionen oder Gefühle.
Dach: Der Intellekt oder Verstand.
Nur wenn alle gleichzeitig entwickelt werden, entsteht ein stabiles und funktionales Gebäude.
2 Kernaspekte - Vereinfachung seiner Lehre
Gurdjieffs Lehre lässt sich auf 2 Kernaspekte eines "erwachten Menschen" reduzieren:
innere Freiheit
bewusstes Sein
Diese beiden Aspekte stellen den fruchtbaren Boden dar auf dem das volle Potenzial eines Menschen gedeihen kann. In diesem Rahmen kann jedes Individuum seinen eigenen Selbstausdruck finden.
Innere Freiheit
Innere Freiheit bedeutet, sich von den Automatismen, inneren Zwängen, unbewussten Gewohnheiten und emotionalen Reaktionen zu lösen. Viele Menschen handeln und wandeln im "psychologischen Schlaf", also automatisch und ohne wirkliches Bewusstsein, unreflektiert über ihre eigenen Handlungen, Gedanken und Gefühle.
Bedingungen für innere Freiheit:
Frei von Angst: Besonders zentral wird hier das Thema von Angst. Angst verhindert innere Freiheit grundlegend. Meist sind dies nur eigene oder von aussen erzeugte Vorstellungen von etwas und haben nicht wirklich eine faktische Grundlage.
Frei von äußeren Einflüssen: Die Fähigkeit, unabhängig von gesellschaftlichem Druck oder äußeren Umständen zu handeln. Programmierungen erkennen und loslassen.
Frei von inneren Anhaftungen: Keine übermäßige Identifikation mit Emotionen, Gedanken oder Objekten, die unser Verhalten kontrollieren. Lernen das innere Erleben als Zeuge zu betrachten.
Entwicklung des Willens: Ein bewusstes, zielgerichtetes Handeln, das nicht von Impulsen oder alten Mustern gesteuert wird. Alte Muster bewusst machen, reflektieren und durch sinnvollere, bewusst gewählte Gedanken, Gefühle und Handlungen ersetzen.
Der Mensch wird so Herr seiner selbst. Gurdjieff sprach oft davon, dass Menschen wie "Maschinen" handeln, gesteuert von äußeren Reizen und inneren Mustern. Innere Freiheit bedeutet, sich aktiv aus diesem Zustand zu befreien und bewusst zu entscheiden.
Bewusstes Sein (so bewusst wie möglich werden)
Bewusstes Sein ist der Zustand, in dem ein Wesen vollständig im Moment präsent ist – sowohl sich selbst als auch die äußere Welt wahrnehmend. Es umfasst die Fähigkeit, sich selbst zu beobachten und bewusst zu handeln, anstatt automatisch zu reagieren.
Selbsterinnerung: Gurdjieff betonte, wie wichtig es ist, sich nicht nur der Umgebung, sondern auch der eigenen Existenz bewusst zu sein. Eine Frage lenkt die Aufmerksamkeit offen auf etwas. Frage zum Beispiel: "Wo bin ich und was tue ich?"
Achtsamkeit: Ein Zustand der Wachheit und Präsenz, bei dem Körper,Emotionen und Geist harmonisch zusammenarbeiten. Auch hier können Fragen das Bewusstsein lenken: "Wie fühlt sich der Körper an? Wie fühle ich mich?"
Gleichzeitiges Bewusstsein: Die Fähigkeit, mehrere Ebenen der Realität gleichzeitig wahrzunehmen – das innere Selbst, die Emotionen, die Gedanken und die äußere Welt. Versuche möglichst umfassend den jetzigen Moment in deine Wahrnehmung aufzunehmen.
Das bewusste Sein ermöglicht es, das Leben in seiner Tiefe zu erfahren, bewusste Entscheidungen zu treffen und den Zustand des "Schlafs" zu überwinden, der in Gurdjieffs Lehre als Hindernis für wahre Entwicklung gesehen wird.
Abhängigkeit der beiden Aspekte
Innere Freiheit und bewusstes Sein ergänzen sich gegenseitig und sind abhängig voneinander:
Ohne innere Freiheit bleibt ein Wesen Sklave der eigenen Muster und kann kein wahres Bewusstsein erlangen. Woher diese Muster kommen, spielt an und für sich keine bedeutende Rolle.
Ohne bewusstes Sein ist innere Freiheit bedeutungslos, da man nicht wirklich erkennt, was einen fesselt. Bewusstwerdung der Ursachen für die innere Unfreiheit und das gefangen sein in Mustern ist entscheidend.
Erst diese Synergie der beiden Aspekte füht zu dem von Gurdjieff als "wahres Ich" oder "authentische Existenz" beschriebenen Zustand eines Wesens und damit zum Kern und dem eigentlichen Ziel seiner Lehren.
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